Simons Autorenseite
gefährlich weit draußen

Expeditionen in Scifi & Krimi


Beim Literaturwettbewerb Männer schreiben Science-Fiction des VSS-Verlags ging es um die Frage, welche Szenarien männliche Texter zur Zukunft der Menschheit entwerfen (zuvor hatte der Verlag schon den Wettbewerb Frauen schreiben Science-Fiction ins Leben gerufen). Link zur Anthologie auf Lovelybooks: Die Zukunft der Männer.

Was zählt noch, wenn alles verloren erscheint? Diese Frage muss sich der Protagonist in meiner Geschichte Space Django stellen, die beim Wettbewerb den ersten Platz erklommen hat. Von all meinen Figuren ist der Weltraum-Cowboy, der in einem Raumschiff seine letzten Worte spricht, am gefährlichsten weit draußen: zwei Lichtjahre von der Erde entfernt. Als einziger Überlebender einer gescheiterten Besiedlungsmission irrt er durch die Finsternis – und gibt dennoch nicht auf. Eine groteske Auseinandersetzung mit dem Sinn und Unsinn unserer Existenz.


Lässt sich Menschlichkeit programmieren? In der Anthologie Fast menschlich des Eridanus Verlags erzählen 25 Autor*innen Geschichten, in denen die Grenzen zwischen KI und Menschen verschwimmen. Link zum Verlag: Fast menschlich.

Mein Beitrag Psychobot F20 ist ein absurder und düsterer Streifzug durch eine Anstalt für gestörte Roboter. Die Story hinterfragt den Traum mancher Unternehmer von einer optimierten Welt. Wo bleiben in dieser Welt noch Spannung und Entwicklung, das Ungewisse und das Neue? Dafür braucht es eine entscheidende Zutat: die Störung. Erst der Fehler, der "Bug im System", stellt das Gewohnte auf den Prüfstand. Er treibt uns voran und formt unsere Charaktere. Für den Optimierer in meiner Geschichte ist er zugleich die größte Gefahr.


Als das Literaturmagazin neolith das Thema dis/play ausschrieb, waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt: Kurzgeschichte, Gedicht, Foto oder Bild. Daraus ist am Ende ein origineller Mix geworden. Link zum Verlag: neolith.

Was mich zu einem Beitrag bewegte, war der unverschämt freche, disruptive Schrägstrich im Wort. Er forderte mich auf, mit "Display" zu spielen, nach Brechungen und Perspektivwechseln zu suchen. Daraus ist schließlich Liebesspiel entstanden, eine Story über einen romantischen Algorithmus. In der Geschichte stellt eine Frau drei Liebesbeweis-Aufgaben an ein Programm. Es könnte aber auch sein, dass alles ganz anders ist.


Krimis gibt es wie Sand am Meer. Darum malte ich mir nicht viele Chancen aus, als ich am Wettbewerb des Noel-Verlags teilnahm. Entsprechend "geschockt" war ich, als mein Beitrag unter Hunderten von Einsendungen den ersten Platz gewann. Link zum Verlag: Krimi-Kurzgeschichten (etwas nach unten scrollen).

Das Verbrechen in der Geschichte Salz liegt lange zurück. Der raue Ermittler Raik besucht nach Jahrzehnten seinen Heimatort an der Küste. Beiläufig entdeckt er in einer Vitrine die Relikte einer grausamen Tat. In unscheinbaren Salzspuren erkennt er die Vergangenheit. Nur er und die salzige See wissen, was damals geschehen ist. Doch soll er erneut das Leid heraufbeschwören? Eines ist für mich klar: Das wird nicht Raiks letzter Fall gewesen sein.

Früher Erfolg: An den Göttinger Poetryslam 2005 erinnere ich mich gern zurück. Erwartungsfrei ging ich dorthin, jedoch mit ein paar Geschichten in der Tasche. Spontan entschied ich mich, die nachfolgende Story zu lesen. Das Publikum dankte es mit dem größten Applaus, der Veranstalter mit einem Radioauftritt. Selbst, wenn der Text genremäßig etwas aus der Reihe tanzt, handelt auch er letztlich von einer Sinnsuche:

Ich wär' so gern eine Wasserturbinenleitschaufel
Ach, Norbert, ich wär' so gern eine Wasserturbinenleitschaufel.
Was bitte?
Eine Wasserturbinenleitschaufel.
Geht's dir nicht gut?
Doch, doch. Nur bin ich eben keine Wasserturbinenleitschaufel.
Warum willst du denn eine ... so ein Ding sein?
Das ist nicht einfach ein Ding! Bei Wasserturbinenleitschaufeln handelt es sich um wichtige Komponenten von Strömungskraftmaschinen, die sich am Fuße von Talsperren befinden.
Und weiter?
Als Leitschaufel einer Wasserturbine – auch Kaplanturbine genannt – bin ich verantwortlich für den geregelten Zulauf des Wassers in den Raum mit dem Läufer. Dieser Läufer besitzt verstellbare Schaufeln, über die ihn das strömende Wasser in eine Drehbewegung versetzt. So überträgt sich die kinetische Energie des Wassers auf den Generator, der sie in elektrische Energie umwandelt.
Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.
Die lautete doch gleich?
Ich wollte wissen, wieso du ...
Ach ja, korrekt. Also, wenn ich eine Wasserturbinenleitschaufel wär', dann hätte ich den lieben langen Tag Wasser um mich herum. Ich bin nun mal eine absolut närrische Wasserratte. Goethe pflegte zu sagen: "Des Menschen Seele gleicht dem Wasser."
Hat er auch etwas über Wasserturbinen gesagt?
Nein, Norbert, hat er nicht! Aber er würde sicher genauso denken wie ich. Als Wasserturbinenleitschaufel kannst du nämlich auf ewig in der gleichmäßig sanften Strömung des Wassers tanzen. Immer nass und immer glücklich. Außerdem bist du ein fester Teil des Systems, der Turbine, mit einem festen Platz und einer klar festgelegten Aufgabe.
Du würdest das für immer machen wollen?
Für immer und ewig!
Aber du würdest dich abnutzen und müsstest irgendwann ausgewechselt werden.
Nicht, wenn ich aus einem extrem widerstandsfähigen Material bestehe. Stahl scheint mir geeignet.
Du bist dir schon der Tatsache bewusst, dass die Menschen die Flüsse derart verdrecken, dass alle erdenkbaren Säuren in ihnen herumschwirren, oder? Als einfaches Stahlerzeugnis wärst du wohl kaum vor der Säurekorrosion geschützt, die diese Brühe hervorruft.
Dann müssen mir eben Legierungsmetalle hinzugesetzt werden, zum Beispiel Chrom und Nickel. Dann bin ich eine unsterbliche Edelstahlwasserturbinenleitschaufel.
Unsterblich? Sicher? Würdest du nicht von menschlicher Hand gesteuert werden?
Wie denn sonst? Irgendwer muss schließlich meinen Drehmechanismus regulieren.
Ergo? Entschieden sich die Menschen, dich auszuschalten, würde es vorbei sein mit dem feuchten Tänzchen.
Mensch, Norbert! Dann wär' ich eben gern eine Edelstahlwasserturbinenleitschaufel mit selbststeuerndem Regelwerk!
Und wenn sich etwas in deinen Schaufeln verfinge, sodass du dich nicht mehr von allein drehen könntest?
Gut, dann wär' ich gern eine Edelstahlwasserturbinenleitschaufel mit selbststeuerndem Regelwerk und einem Greifarm, der im Falle einer Verstopfung den die Verstopfung verursachenden Gegenstand automatisch entfernt!
Willst du nicht doch mal zum Arzt gehen?
Du hast wirklich nichts Besseres zu tun, als meine Träume zu zerstören. Es war doch nur ein Gedanke!
Traum oder Gedanke?
Verträumter Gedanke!
Was hältst du von dem verträumten Gedanken, demnächst an das Meer zu fahren und als du selbst das prachtvolle Meerwasser zu genießen? Du kannst schwimmen, bis dir das Wasser aus den Ohren quillt. Dabei bist du ganz du selbst. Dein Ich ist der Herr des H2O.
Herr des H2O? Du bist ziemlich verrückt.
Ich will doch nur sagen: Finde zu dir selbst! Erkenne deine Rolle unter den Menschen und sichere dir den Platz im Leben, der dir am meisten zusagt – wie ein Fisch, der als kleiner Teil des großen Ganzen fest zu seinem Schwarm gehört und dennoch ungezwungen seine Individualität auslebt.
Ein Fisch, sagst du? ... Hmmm, ich könnte den ganzen Tag im Wasser schwimmen, flussaufwärts, flussabwärts ... Es gäbe nur ein Problem: Eine dieser teuflischen Talsperren könnte mir zum Verhängnis werden. Diese Wasserturbinen mit ihren Schaufeln sind die reinsten Todesfallen.

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